Englische Komposita und Kategorisierung: eine empirische Untersuchung.

Please download to get full document.

View again

of 22
17 views
PDF
All materials on our website are shared by users. If you have any questions about copyright issues, please report us to resolve them. We are always happy to assist you.
Document Description
Englische Komposita und Kategorisierung: eine empirische Untersuchung.
Document Share
Document Tags
Document Transcript
  Rostocker Beiträge zur Sprachwissenschaft  5(1998)77-98 Englische Komposita und Kategorisierung Friedrich Ungerer (Rostock) & Hans-Jörg Schmid (München) The paper presents the results of an empirical study of the conceptual  structure and degree of lexicalization of N+N compounds. Informants were asked to list attributes for compounds and their constituent concepts. Based on the frequency with which attributes were named, rank-ordered lists were compiled for each compound and for its two constituents, and these lists were compared to assess conceptual overlap. The comparison suggests a division of  N+N compounds into three types, which are taken to represent three stages of lexicalization: 1. With purely specifying compounds (e.g.  apple juice, kitchen chair),  there is a substantial overlap between the attributes listed for the second constituents and those listed for the compound, pointing to an initial stage of lexicalization. 2. Enriched compounds (e.g.  wall paper, wheelchair)  draw on the constituents' attributes to a lesser extent; instead their conceptual structure includes a considerable number of additional 'free' attributes, thus indicating that lexicalization is more advanced. 3. The final stage of this process is reached with fully lexicalized compounds like  newspaper   and   (motor) car, which are no longer dependent on the constituent concepts. The data also provides evidence for the idea that with partonymic compounds like  chairleg  and coat collar,  it is the first constituent (and not the second as suggested by the traditional modifier-head-analysis) that seems to dominate the conceptual  structure of the compound. 1 Einleitung Ein besonders faszinierender Aspekt der Komposition ist das Phänomen, daß viele Komposita eine Gesamtbedeutung herausbilden, die sich nicht mehr allein aus den Bedeutungen ihrer Konstituenten ableiten läßt. Die linguistische Be schäftigung mit diesem Prozeß der Lexikalisierung (vgl. z.B. Quirk et al. 1985: 1526ff.) führte nicht nur zu einer Aufteilung des Prozesses in verschiedene Typen (Bauer 1983: Kap. 3) und zu unterschiedlichen Definitionen des Kern begriffs (Lipka 1992: 94ff.). Großes Interesse fand naturgemäß auch die Be schreibung der mit der Lexikalisierung verbundenen Veränderung in der Be-  deutungssubstanz. Diese wurde entweder als zusätzliche Spezifizierung der Bedeutung verstanden (  petrification  nach Leech 1981: 225ff.) oder - häufiger -als semantischer Zugewinn, der mit Hilfe von Komponenten erfaßt werden kann. Die systematische Beschreibung mit Hilfe der Komponentenanalyse krankte allerdings daran, daß die Balance zwischen Systematik und Exaktheit nur durch die Annahme einer Vielzahl mehr oder minder abstrakter Merkmale zu erreichen war (Hansen et al. 1985: 44ff). Vor diesem Hintergrund der traditionellen Analyse ist das Erklärungsangebot der Kognitiven Linguistik zu sehen. Es umfaßt einmal theoretische Überlegungen zum Wortbildungsprozeß, wie sie in Langackers Beschreibung der Kom- positionalität enthalten sind (Langacker 1987: Kap. 12). Als Veranschaulichung dient hier die Gerüstmetapher, die Langacker der Baukastenmetapher gegenüberstellt, die für ihn die konventionelle Sicht verkörpert. Komposita entstehen demnach nicht durch Aneinanderfügen bzw. Aufeinanderstellen von einzelnen Konstituenten und deren semantischen Konzepten; diese Basiselemente dienen vielmehr als konzeptuelles Gerüst, auf das man verzichtet, wenn das einheitliche Konzept des Kompositums etabliert ist (Langacker 1987: 461). Auch Fauconniers & Turners Theorie der konzeptuellen Mischung ( conceptual blending)  bietet sich für eine Erklärung an (Fauconnier & Turner 1996; Fau-connier 1997: 194ff). Dieses Modell, das eigentlich keine lexikalische, sondern eine viel umfassendere Zielsetzung hat, ließe sich auf die Bildung der Komposita etwa folgendermaßen anwenden: Von den vier mentalen Räumen ( mental  spaces),  die dieses Modell als Minimum umfaßt, werden die beiden 'Eingaberäume'  (input spaces)  von den Basiskonzepten des Kompositums belegt, der dritte Raum, der 'generische Raum' (  generic space),  versammelt die gemeinsamen Merkmale der   input spaces,  im vierten Raum, dem  1 Mischraum'  (blend), vollzieht sich die konkrete Verschmelzung, wobei dies zur Aktivierung von zusätzlichen  input spaces  fuhren kann (Fauconnier & Turner 1996 etc.). Wie schon diese skizzenhaften Bemerkungen zeigen, berücksichtigen sowohl Langackers als auch Fauconniers & Turners Konzeptionen den semantischen Zugewinn und stellen somit interessante Alternativen zu den traditionellen systemlinguistischen Erklärungen dar. Eine differenzierte Beschreibung der Lexikalisierung von Komposita läßt sich aber auch auf einer weniger theoretischen Ebene der kognitiven Analyse realisieren, der Ebene der Kategorisierung mit Hilfe von Attributen, die von Versuchspersonen erfragt werden. Diese aus der empirischen Psychologie stammende Methode wurde von Rosch vorgeschlagen (Rosch 1975; Rosch and Mervis 1975). Rosch geht von den Eigenschaften aus, die den Informanten bei 78  der Nennung eines Worts einfallen und von ihnen niedergeschrieben werden. Diese Attributlisten, die neben 'objektiven' Eigenschaften des beschriebenen Objekts auch Assoziationen der verschiedensten Art umfassen, spiegeln nach Meinung von Rosch die Struktur mentaler lexikalischer Kategorien zuverlässiger wider als die Merkmale der klassischen Komponentenanalyse, die letztlich auf der wissenschaftlich gefilterten Intuition einzelner Linguisten beruhen. Die Methode der Attributanalyse wurde von Rosch im wesentlichen nur auf Simplizia angewendet. In der vorliegenden Studie wird sie auf die lexikalischen Konzepte von Komposita ausgedehnt, und zwar zunächst auf N+N-Komposita, weil bei den nominalen Kategorien mit besonders ausführlichen Attributin-ventaren zu rechnen ist. Der Vergleich der Attributlisten für Komposita mit den Listen für die Konstituenten der Komposita (z.B. der Vergleich der Attribut listen  für   APPLE  JUICE,  APPLE  und  JUICE)  dient dann  als  Grundlage  für die Beschreibung des Kompositionsvorgangs und damit des Lexikalisierungspro- zesses. Darüber hinaus läßt sich der Attributvergleich auch zur kognitiven Bewertung eines anderen problematischen Aspekts der Komposition nutzen. Begünstigt durch die Dominanz der morphologischen bzw. formal-syntaktischen Sichtweise, wird in der traditionellen Wortbildungsanalyse das Determinans-Determinatum-Paradigma  (modifier/head paradigm)  als Standardfall betrachtet (Marchand 1969: 11 ff). Dies führt - selbst wenn es nicht immer explizit gemacht wird - zur Vorstellung, daß auch semantisch das erste Element des Kompositums stets als Spezifikation des zweiten, allgemeineren Elements zu  betrachten ist. Zwischen dem ersten und zweiten Element besteht also eine 'Art-von'-Beziehung, die Bauer (1983: 30) wie folgt illustriert: „[ ... ] a beehive is a kind of hive, an armchair is a kind of chair". Zwar ist nicht zu bestreiten, daß diese semantische Interpretation für die Mehrzahl der sog. Determinativkomposita zutrifft, darunter auch für unser Beispiel  apple juice;  für Komposita wie  chairleg, coat collar   oder   shoelace  aber überzeugt sie weit weniger. Intuitiv scheint der Unterschied darin zu liegen, daß bei  chairleg   oder   coat collar   das erste Element des Kompositums das allgemeinere Konzept bezeichnet, das zweite aber nur einen Teil davon (z.B. das Bein als Teil des Stuhls, den Kragen als Teil des Mantels). So gesehen, handelt es sich also um eine Beziehung von Teil und Ganzem  (part/whole-relation),  hinter der als Alternative zur Taxo-nomie der Differenzierung und Generalisierung eine Hierarchie der 'Mero-nomie' (Cruse 1986: 159ff.) oder 'Partonomie' (Dirven & Radden 1996: 1/4) steht, eben die Hierarchie der Teil-Ganzes-Beziehungen. Die Frage ist nun, ob die Intuition der Teil-Ganzes-Interpretation mit dominantem erstem Element 79  oder die traditionelle Art-von-Interpretation mit dominantem zweitem Element (Stuhlbein als eine Art von Bein, Mantelkragen als eine Art von Kragen) für den Sprachbenutzer im Vordergrund stehen; auch hier kann der Vergleich der Attributlisten zu einer Klärung beitragen. Im übrigen muß sich die hier vorgeschlagene Attributanalyse nicht in der Empirie erschöpfen. Im letzten Abschnitt wird der Versuch unternommen, sie -unter Einbeziehung von Erkenntnissen über die ganzheitliche, gestalthafte Wahrnehmung von Gegenständen und Lebewesen - zur Theoriebildung über die sprachrelevante kognitive Erfassung der Welt zu nutzen. 2 Methodisches zur Datenerfassung und Auswertung Die empirische Untersuchung zur Gewinnung der Attribute wurde in zwei Schritten vorgenommen. An der Hauptuntersuchung, die im Sommersemester 1993 durchgeführt wurde, waren 250 Münchner Anglistikstudenten beteiligt; die Gruppengröße schwankte zwischen 27 und 37 Probanden. Eine Kontrolluntersuchung wurde 1997 mit 26  native speakers  (Lehrern und Schülern der Abschlußklasse) aus dem Raum Oxford durchgeführt. Jeder Versuchsperson wurden bis zu drei (in der Kontrolluntersuchung bis zu vier) voneinander semantisch unabhängige Wörter vorgelegt, d.h., die Komposita und ihre Konstituenten wurden stets von unterschiedlichen Probandengruppen bearbeitet. In Anlehnung an die Versuchsanordnung von Rosch & Mervis (1975) wurde den Probanden in den Testanweisungen schriftlich erläutert, daß sie sich bei der 80  Auflistung der Attribute an die typischen Eigenschaften und Kennzeichen halten sollten, an die man bei der Nennung von alltäglichen Objekten denkt. Exemplarisch wurden dazu einige Attribute der (nicht erfragten) Konzepte FAHRRAD, HUND  und MUSIK   vorgegeben. Die Hauptuntersuchung  umfaßte  9 Komposita und ihre Konstituenten. Da die Komposita so gewählt wurden, daß sich die Konstituenten z.T. überlappten, waren insgesamt 22 lexikalische Konzepte zu überprüfen. Vgl. hierzu Abb. 1. Im Schnitt wurde jedes Konzept von 32 Versuchspersonen (in der Kontrolluntersuchung von 10 Probanden) bearbeitet, die durchschnittlich 9 Attribute pro Konzept angaben. Die Gesamtzahl der Attributnennungen pro Konzept schwankte  zwischen  200 für   WALL  und 362 für   KITCHEN. Für die Auswertung wurden zunächst die semantisch verwandten Attribute zusammengefaßt und dann diejenigen ausgesondert, die nicht von mindestens 4 Versuchspersonen (in der Kontrolluntersuchung von 3) genannt wurden. Die verbleibenden Attribute wurden für jedes erfragte lexikalische Konzept in Häufigkeitslisten zusammengefaßt. Abb. 2 veranschaulicht das Ergebnis für das 81
Similar documents
View more...
Search Related
We Need Your Support
Thank you for visiting our website and your interest in our free products and services. We are nonprofit website to share and download documents. To the running of this website, we need your help to support us.

Thanks to everyone for your continued support.

No, Thanks